Was hat Hilfsbereitschaft mit Selbstwertgefühl zu tun?

Anderen zu helfen, das ist doch was tolles? Oder etwa nicht? Die Antwort lautet: jein ....

 

Stell dir vor, wie sich jemand fühlt, der auf Hilfe angewiesen ist. In der Regel ist der hilfsbedürftige Mensch in einer schwierigen Situation, z. B. körperlich erkrankt, finanziell angeschlagen oder überfordert mit Job, Familie, etc. Um Hilfe zu erhalten, muss er also mindestens sich und einer weiteren Person eingestehen, dass er es im Moment alleine nicht schafft. Dieses Eingeständnis bereitet vielen Menschen Probleme, sie fühlen sich schwach und in ihrer Autonomie eingeschränkt.

 

Und wie fühlt sich wohl eine Person, die keine Hilfe benötigt, aber trotzdem zwangsweise mit Hilfeleistungen "beglückt" wird? Wer Hilfe bekommt, obwohl er keine benötigt oder möchte, fühlt sich in die Position der Schwäche getrieben. Das ist unangenehm und wird oft als übergriffig empfunden. Nicht selten reagieren Menschen auf diese Zwangsbeglückung unwirsch.

 

Versuch' einfach mal, einem 8-jährigen Junge die Schuhe zuzubinden. Wahrscheinlich wird er dich zurückweisen und empört sagen: "Das kann ich doch schon längst alleine!" Auch ältere Personen haben den Wunsch, so lange wie möglich autonom zu bleiben! Sie wollen meist keine Hilfe, solange sie es alleine bewältigen können. Und auch im Umgang mit Menschen im Rollstuhl gilt die Devise: Dränge sie nicht in die Position der Schwäche! Gerade Rollifahrerinnen und -fahrer sind durchaus in der Lage um Hilfe zu bitten, wenn sie diese benötigen!

 

Was hat Hilfsbereitschaft nun mit unserem Selbstwertgefühl zu tun?

  • Auf der Seite des Helfenden dient eine übergroße Hilfsbereitschaft nicht selten zur Kompensation des geringen Selbstwertgefühls. In dem wir andere Menschen mit unserer Hilfe beglücken, erwarten wir unbewusst eine gewisse Dankbarkeit und fühlen uns aufgewertet - zumindest für einen kurzen Moment (siehe hierzu auch den Artikel: Quellen für einen starken Selbstwert vom 04.03.2020). 
  • Auf der Seite des Empfängers der Hilfe kann eine aufgezwungene Hilfe bei Personen mit geringem Selbstwertgefühl dazu führen, dass das Selbstwertgefühl weiter sinkt. Denn immerhin scheint man auf andere hilfsbedürftig zu wirken, man traut der Person nicht zu, es alleine zu schaffen. Es findet also unbewusst eine Abwertung der Fähigkeiten und Kompetenzen statt, ohne dass sich der Helfende dessen bewusst ist. 

Worauf sollte man im Zusammenhang mit Hilfsbereitschaft achten?

  • Wenn du Hilfe benötigst, dann frage danach!
    Es wäre schön, wenn alle Menschen lernen könnten, dann nach Hilfe zu fragen, wenn sie sie benötigen. Leider fällt das vielen schwer. Manchmal sind Menschen sogar enttäuscht, dass der andere nicht fragt, ob man Hilfe benötigt, da sie noch nicht gelernt haben, gut für sich selbst zu sorgen. Hier kannst du mit gutem Beispiel voran gehen, in dem du klar äußerst, wenn du Unterstützung benötigst. 
  • Hast du ständig den Drang, anderen zu helfen?
    Wenn du dich dabei ertappst, immer wieder  und ungefragt verschiedenen Personen deine Hilfe anzubieten oder gar einfach Dinge zu übernehmen, dann höre in dich hinein. Was ist der Grund für deine Hilfsbereitschaft? Möchtest du dich selbst damit aufwerten? Möchtest du Dankbarkeit? Wünschst du dir Anerkennung, Liebe und Verbindung zu anderen Menschen? Möchtest du Macht über die andere Person? Möchtest du (unbewusst), dass diese Person abhängig von dir ist? Dabei ist es wichtig zu schauen, ob es dein ständiger Drang ist anderen zu helfen. Wenn du deine Hilfsbereitschaft bei einer kranken Person, z. B. deiner Mutter oder deinem Vater verspürst, dann entspringt diese aus einer tiefen Verbundenheit und hat nichts mit dem "Helfersyndrom" zu tun.  
  • Hilfe zur Selbsthilfe!
    Wenn du hilfst, sollte diese so geartet sein, dass dein Gegenüber dies bald (wieder) alleine bewältigen kann. Das geht nicht immer, beispielsweise bei alten, pflegebedürftigen Menschen. Aber statt deiner Bekannten alle Bewerbungen mit dem PC zu tippen, könntest du ihr helfen, sich selbst mit dem PC zurecht zu finden. 
  • Wie kann ich meine Hilfe anbieten, ohne den anderen in die Opferrolle zu drängen?
    Manchmal lässt es sich nicht vermeiden, die Hilfe anderen aufzudrängen. Wenn deine Großmutter mit 80 Jahren und wackeligen Beinen auf die Leiter steigen möchte, dann solltest du das übernehmen. Aber wie ist es mit der Kollegin, die seit Tagen unter einem enormen Zeitdruck die Handouts für die Seminarteilnehmer ausdruckt und bindet? Frage Sie, ob du ihr helfen kannst. Aber achte darauf, dass deine Formulierung wertschätzend ist. Du kannst zum Beispiel sagen: "Wenn ich dir helfen kann, sag' mir Bescheid!" Je nachdem, wie eure Verbindung ist, kannst du auch sagen: "Was hältst du davon, wenn ich dir heute mit den Handouts helfe; dann kannst du mir vielleicht nächste Woche bei der Auswertung der Fragebögen helfen?" Wichtig ist, dass deine Hilfe als Angebot formuliert ist!

 

Ich freue mich auf eure Kommentare zum Thema!

 

Herzliche Grüße!

Nadja Hohler

Coaching für einen starken Selbstwert

 

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